Kriegsausbruch 1914: Innsbrucker auf einer Woge „patriotischer Begeisterung“

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Im heurigen Gedenkjahr werden wir es noch oft hören: Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, herrschte große Begeisterung in der Bevölkerung. Man zog „fröhlich und freudig“ in den Krieg.
In jüngster Zeit haben Historiker die diesbezüglichen Überlieferungen gelegentlich hinterfragt. Der Verdacht: In den zeitgenössischen Berichten über den großen, gemeinschaftlich erlebten patriotischen Rausch dürfte sehr viel Propaganda mitschwingen, die bis heute nachwirkt.

Kriegsbegeisterung hat es fraglos gegeben, sie ist in den damaligen Zeitungen – auch in Tirol – sehr präsent. Einwenden lässt sich allerdings: Die Blätter berichteten mit Hingabe von spontanen patriotischen Kundgebungen und Ausbrüchen der Freude in den Straßen – aber natürlich nicht über die Menschen, die zur selben Zeit mit düsteren Ahnungen und Zukunftsängsten zu Hause saßen…

Am 26. Juli 1914, als die Ablehnung des österreichischen Ultimatums durch Serbien eben bekannt geworden war, schreiben etwa die „Innsbrucker Nachrichten“: „In den Straßen der tirolischen Landeshauptstadt herrschte in der vergangenen Nacht, als die Nachricht von dem Ergebnisse des energischen Vorgehens gegen Serbien bekannt geworden waren, eine Begeisterung, eine helle, herzhafte Freude, die zu Ovationen besonderer Art Anlaß gab, Ovationen und Ausbrüche aufrichtiger Vaterlandsliebe, wie sie unsere Generation in solchem Maße wohl noch nie erlebt hat.“

Weiter unten im Artikel erfahren wir: „Die Menge, welche stetig an Größe zunahm, wollte zur Hofburg ziehen, aber als die Spitze des regellosen Zuges sich dem Franziskanerbogen näherte, erschollen von unten herauf Musikklänge. Die Regimentsmusik war um 1/2 11 Uhr nachts zu einem Zapfenstreich ausgezogen, mit blinkenden Lichtern, gefolgt von einer großen Menschenmenge, und nun schwoll die Begeisterung zu einer ungeheuren Woge an, unaufhaltsam, überschäumend in patriotischen Empfindungen. Die Musik spielte nur altösterreichische Märsche, alte Soldatenmärsche, „Prinz Eugenius“, den Radetzkymarsch und andere, bejubelt von der Menge, die, aus allen Schichten der Bevölkerung zusammengesetzt, begeistert hinter

Ur-Opas Zeitung Episode 008

Ur-Opas Zeitung Episode 008

der Musik einherzog. Offiziere mit ihren Frauen, alte und junge Männer, Arbeiter und Studenten und Beamte zogen einträchtig Arm in Arm einher.“

Ganz verdrängen ließ sich die oben angesprochene „andere Sicht“ des Kriegsausbruchs in den Zeitungen aber offenbar nicht, auch wenn sie in den Medien nur versteckt und indirekt vorkommt. Etwa in Meldungen über fahnenflüchtige Soldaten oder über über Arbeits- und sonstige Unfälle, durch die junge Männer wehruntauglich werden und die sich in diesen Tagen seltsam häuften. Mitunter blitzt – wohl ungewollt – auch ganz unverblümt auf, dass nicht absolut alle Untertanen vom Kriegsausbruch begeistert waren. Z. B. in dieser kurzen Meldung, die am 1. August 1914 in den Lokalspalten der „Innsbrucker Nachrichten“ gedruckt wurde: „(Selbstmordversuch). In einem Gasthause in Wilten trank ein junger Mensch, der einrücken sollte, in seiner Mutlosigkeit Morphium. Da er rasch genug noch im Rettungswagen in ärztliche Behandlung kam, konnte er noch gerettet werden und ist heute außer Gefahr.“

Mutlosigkeit mitten im großen patriotischen Freudentaumel? Das gab es also auch…

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (26. Juli 1914 und 1. August 1914)