Ur-Opas Zeitung Episode 007

Eine Aufgabe für die Schulkinder:
Knochen sammeln für den Endsieg

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Müllverwertung war schon vor 70 Jahren ein brennend aktuelles Thema – allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als heute. Während des Zweiten Weltkrieges entwickelte man im permanent unter Rohstoffmangel leidenden Hitler-Reich eine wahre Besessenheit, alle Altstoffe und Abfälle zu sammeln und der Wiederverwertung zuzuführen. Die Zeitungen riefen ständig dazu auf. Gesammelt wurden nicht nur Altmetalle, Leder, Textilien und dergleichen, sondern z. B. auch Knochen.

Wie hier in den „Innsbrucker Nachrichten“ vom 5. Oktober 1943 konnte man in den Lokalspalten – absolut passend zwischen Meldungen vom Heldentod und von Heldengedenkfeiern – etwa diese belehrende Aufforderung finden: „Nur ein Knochen! Aus ihm werden durch chemische Zerlegung fast 100 kriegswichtige Erzeugnisse gewonnen. Darum gib Kochen dem nächstwohnenden Schulkinde.“

Dass Schüler als Anlaufstelle genannt werden, erklärt sich dadurch, dass die Knochensammlung über die Schulen organisiert wurde: Die Überreste waren dem Lehrer abzuliefern. Zu dieser Praxis gibt es übrigens eine makabere Anekdote: In Elbigenalp im Außerfern soll es einen fanatischen Lehrer gegeben haben, der die Kinder geradezu drangsalierte, Knochen für den „Endsieg“ abzuliefern. Wenn absolut keine aufzutreiben waren, sollen manche Schüler zu einer unkonventionellen Notlösung gegriffen haben: Sie ließen einfach Knochen aus dem berühmten Beinhaus in der St.-Martins-Kapelle mitgehen, wo menschliche Gebeine meterhoch aufgeschichtet sind. Der Lehrer war zufrieden und das Problem gelöst…

Ob’s wirklich stimmt oder eine Schauergeschichte ist? Wer kann das mit Gewissheit sagen? Auf jeden Fall gilt: Wenn schon nicht wahr, so doch gut erfunden!

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (5. Oktober 1943)