Attraktivität der Sparsamkeit

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Die Idee „Knauserer“ als Kritik an den sozialen, ökologischen und moralischen Problemen der Konsumgesellschaft | Die Idee „Knauserer“ als Versuch, Alternativen aufzuzeigen

„Ich konsumiere, was ich nicht selbst produziere. Das macht das Wegwerfen einfacher, weil man den wahren Wert eines Produktes nicht mehr einschätzen kann.“
Michaela Brötz, Autorin
Attraktivität der Sparsamkeit
Attraktivität der Sparsamkeit
ZUR PERSON: MICHAELA BRÖTZ
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  • Michaela Brötz, Jahrgang 1972 lebt in Pill. Ihr Leben als gut verdienende Angestellte in der Privatwirtschaft hat sie bewusst aufgegeben. Sie ist verheiratet, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. Außerdem leitet sie eine Erwachsenenschule, hält Vorträge, Sprach- und Computerkurse und ist in mehreren ehrenamtlichen Projekten aktiv.
INITIATIVE „DER KNAUSERER“
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  • Im Jahr 2000 startete Michaela Brötz die Initiative „Der Knauserer“ und betreibt seither die Homepage www.derknauserer.at, jeden Monat erscheint ein Newsletter mit Artikeln, Tipps und Tricks zu sparsamem, nachhaltigem Leben, zum Selbermachen und Reparieren. Die Plattform ist interaktiv und erreicht Menschen im gesamten deutschsprachigen Raum. Das Spartipplexikon mit mehr als 2000 Einträgen ist das größte im Web. Entstanden ist der Knauserer als Kritik an den sozialen, ökologischen und moralischen Problemen der Konsumgesellschaft und als Versuch, Alternativen dazu aufzuzeigen. Ziel ist es nicht billig, sondern bewusst zu konsumieren und das Konsumverhalten zu hinterfragen.

Die Attraktivität der Sparsamkeit:
„Wenn man sein Herz an Dinge hängt, dann läuft etwas grundfalsch im Leben“

Die Welt ist ein Dorf geworden. Fast alles ist innerhalb kurzer Zeit zu bekommen. Anerkennung und Status innerhalb der Gesellschaft sind vielfach an Erfolg und Wohlstand geknüpft und werden als Statussymbole gerne offen zur Schau getragen. Selbstgewählte Sparsamkeit passt nicht in dieses Konzept. Warum also sparsam sein, insbesondere, wenn es wirtschaftlich nicht wirklich notwendig wäre? Michaela Brötz ist eine Vorreiterin dieser Lebenseinstellung und befasst sich schon seit vielen Jahren damit. Zauberfuchs fragte nach und erfuhr, warum Sparsamkeit mitunter befreiend und bereichernd sein kann.

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Wer kann, der zeigt das meist auch gerne. Freiwillig sparsam leben, das klingt doch irgendwie nach Selbstkasteiung?

Michaela Brötz: Für mich nicht. Stellt man sich ernsthaft und ehrlich die Frage, was man an materiellen Dingen wirklich braucht im Leben, kommt man drauf, dass das eigentlich sehr wenig ist. Sparsam und nachhaltig zu leben, das kann sehr bereichernd und befreiend sein.

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Am konkreten Eigenbeispiel: Welchen Mehrwert haben Sie davon?

Mir ermöglicht es heute, dass ich zu Hause bleiben kann. Ich mag das eigentlich sehr gerne, auch wenn es etwas konservativ anmutet. Ich kann mich um die Kinder, um den Garten, um das gesunde Essen, um unsere Gesundheit, um meine gute Laune kümmern und mich sozial engagieren. Ich habe Zeit für Dinge, die auch mal nichts einbringen.

Wir haben auch keine Schulden. Das finde ich sehr zentral. Einen Schuldenrucksack, an dem ich noch 30 Jahre zu tragen hätte, das fände ich sehr belastend, das wäre mir als Preis für gesteigerte Bedürfnisse zu hoch. Ich kann doch keine Anleihe auf meine Zukunft aufnehmen! Man lebt viel leichter und freier ohne, man muss nur seine Bedürfnisse etwas herunterschrauben.

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Sind Sie mit dieser Philosophie oft ‚angeeckt‘?

Konsum basiert oft auf einer Einflüsterung von außen. Den wenigsten Käufen liegt ein wirkliches Bedürfnis zugrunde. Meist sind es geschaffene, eingeredete Bedürfnisse, die durch gesellschaftliche Zwänge und natürlich durch die Werbung entstehen. Da gibt es eine ganze Wissenschaft – die Werbepsychologie – die nur dazu da ist zu erforschen, wie wir verführt werden können. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Nichtkonsum erfordert viel Selbstbewusstsein. Ein „brauch‘ ich nicht“ klingt mitunter nach Spielverderber und riecht nach Außenseiter. Leider.

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Wie wurde die Idee zum „Knauserer“ geboren?

Eigentlich hatte ich nie genug Geld. Am härtesten war das Studium, das ich mir selbst finanziert habe. Dennoch war diese fast geldlose Zeit eine sehr glückliche. Alle haben mir vororakelt: „Bald verdienst du gutes Geld und kannst dir endlich alles leisten, was du willst.“ Da habe ich geistig die Bremse getreten und mir gesagt: Ich will nichts ändern. Ich will mir gar nichts leisten, ich brauche nämlich nichts. Ich habe dann einige Zeit gearbeitet und ziemlich gut verdient. Allerdings habe ich auch das Hamsterrad deutlich gesehen, in das man geraten kann.

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Ganz ohne Geld geht es nicht. Wie habt ihr das gelöst?

Richtig: Ganz ohne Geld, das ist eher theoretisch. Ich möchte nicht ausschließen, dass sich in Zukunft geldlose Alternativen, wie zum Beispil Tauschnetzwerke (siehe auch hier) entwickeln werden. eine sparsamere Lebensweise schafft Raum für mehr Kreativität in der Gestaltung des Lebens – früher in Pension, Reduktion der Wochenarbeitsstunden, Teilausstieg, Ehrenämter. Wer nicht mit dem letzten Einkommenseuro kalkulieren muss, hat definitiv Freiräume, die einem guttun.

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Überspitzt gesagt: Wir arbeiten viel, machen oft noch Überstunden und kaufen dann von unserem Geld Dinge, für die wir keine Zeit haben. Warum?

Eine schöne Frage! Weil wir uns eben sehr über das Haben definieren. Schöne Wohnung, großes Auto, toller Urlaub, moderne Kleidung. Das alles strahlt Reichtum, Erfolg und Glück aus. Dass die Gleichung nicht stimmt, wissen wir eh alle, aber wir haben sie halt sehr verinnerlicht. Wir demonstrieren unseren finanziellen Wohlstand mit dem Ansammeln von teuren Dingen. Wer hier nicht mithalten kann oder will, der macht sich zum Außenseiter. Und wer will das schon sein. Dass uns die vielen Dinge – ein moderner Haushalt verfügt über 20.000 bis 50.000 Einzeldinge – die wir ansammeln aber sehr belasten und wertvolle Lebenszeit durch ihren Kauf, ihre Wartung, ihre Pflege klauen, muss deutlich gesagt werden.

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Warum wirkt Shoppen dennoch als Belohnung?

Hauptsächlich denke ich, dass wir dazu erzogen worden sind. „Wenn du brav bist, bringe ich dir etwas mit.“ Dass Eltern oder Großeltern einmal sagen: „Wenn du brav bist, dann gehe ich mit dir im Wald Pilze sammeln“, das klingt in unseren Ohren schon eher schrullig. Belohnung ist für uns eigentlich immer etwas Dingliches. Und wo wir als Kind angefangen haben, machen wir als Erwachsene weiter. Ich war brav, also kauf ich mir was. Dabei ist der Belohnungseffekt eines Spazierganges, einer schönen Tasse Kaffee in Ruhe, eines Waldlaufes oder eines Gespräches gleich groß. Man muss es sich nur bewusst machen und genießen lernen.

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Ab welchem Punkt wird Konsum belastend?

Ganz allgemein würde ich aber antworten, dass Konsum dann sehr belastet, wenn er als Sinnersatz herhalten soll: Shopping als Hobby, Einkauf als Trost. Wenn man beginnt, sein Herz an Dinge zu hängen, dann läuft etwas grundfalsch im Leben.

Ich finde jeglichen Konsum total belastend. Das fängt schon beim Lebensmittelwocheneinkauf an, wenn ich mit dem Auto um einen Parkplatz rangeln muss. Dann werde ich mit quietschbunten Reklameplakaten, Einkaufsmusik und Duftreizen bombardiert. Da ein Aktionspickerl, hier eine Sonderaktion. Mich macht das nervös. Das vermeide ich mit einer relativ akribischen Einkaufsliste, ohne die ich die Kaufentscheidung direkt im Supermarkt treffen müsste. Klingt nach Stress total.

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Knausern ist ein negativ behafteter Begriff. Warum haben Sie ihn dennoch als Namen gewählt?

Als ich im Jahr 2000 einen Namen für die Homepage gesucht habe, war gerade diese Schnäppchenwelle am Rollen. Es schossen Homepages wie „Der Geizhals“ aus dem Boden.

Daran habe ich mich orientiert. Mittlerweile ist der Knauserer einfach eine Marke geworden. Viele Leser bezeichnen sich schon selbst als Knauserer, weil es eigentlich keinen Fachterminus für diese Art zu leben gibt. Leute, die freiwillig sparsamer, umweltbewusster, autarker, sozialer, nachhaltiger, kreativer oder schlicht einfacher leben wollen – dafür gibt es kein Wort. Meine Leser nehmen deshalb die Eigenbezeichnung Knauserer gerne an.

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Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Welche Rolle spielt die Entkoppelung von Produktionsprozessen und Konsum dabei?

Ich glaube das ist sogar das grundlegende Problem. Ich konsumiere, was ich nicht selbst produziere. Das macht das Wegwerfen einfacher, weil man den wahren Wert eines Produktes nicht mehr einschätzen kann. Sehr deutlich habe ich das bei der Vorbereitung eines Vortrages zu Lebensmittelmüll und dessen Vermeidung gesehen. In Österreich werden pro Jahr 167.000 t verzehrfähige Lebensmittel vom Endverbraucher weggeworfen. Das entspricht einer LKW-Kolonne von 120 km! Das kann nur passieren, wenn wir das Verhältnis zum Lebensmittel total verloren haben.

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Mehr selbst machen bedeutet also weniger wegwerfen?

Das kann man leicht kontrollieren: Wie schwer ist es, z. B. die Kinderbastelei oder die handgestrickten Socken wegzuwerfen? Hinter diesen Dingen steht keine Zahl in Form eines Preises, sondern eben ein Wert. Dieser persönliche Wert, die Wertschätzung der eigenen Arbeit.

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Hat die Wirtschafts- und Finanzkrise dazu geführt, dass sich mehr Menschen mit dem System des Turbokapitalismus unwohl fühlen oder aus diesem aussteigen?

Als ich im Jahr 2000 angefangen habe, den Knauserer zu schreiben, wurde ich noch bestenfalls ausgelacht. Seit der Krise im Jahre 2008 beobachte ich aber eine deutliche Veränderung. Da haben viele angefangen nachzudenken. Vielleicht auch weil es so schnell ging. Viele haben erkannt, dass eigentlich nichts so sicher ist, wie man dachte. Und auch wie schamlos man sich dann zur Bankenrettung an den Steuermilliarden der Bürger ungefragt vergriffen hat, hat viele zum Denken gebracht.

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Ist das ein dauerhafter Trend?

Für ein richtiges Aufwachen geht es uns wohl noch viel zu gut. Es macht mich immer nachdenklich, wie wenig Themen wie der NSA-Skandal, das Unwesen von Monsanto und Co., Atomenergie, die Sortenrichtlinie oder der Umgang der EU mit Heilpflanzen in den Mainstreammedien Gehör finden, wie wenig berichtet wird, wie schnell man von solchen grundlegenden Themen wieder zur Tagesordnung übergeht. Da hat der schlimmste Angriff auf die Privatsphäre, den es je gegeben hat – so schlimm, dass sogar Orwell als Optimist dasteht – überhaupt keine Chance gegen den putzigen neuen Prinzen aus England.

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AFür Sie bedeutet weniger Konsum automatisch mehr Lebensqualität?

So einfach ist es dann doch nicht. Menschen vorzuschreiben, sie sollen sparsamer sein, funktioniert nicht. Sie würden Sparen als Einschränkung und Belastung erfahren. Sparen und einfacher Leben ist eine Frage des Wollens und nicht des Müssens. Es ist ein Erkenntnisprozess, ein Hinterfragen der eigenen Bedürfnisse, eine ehrliche Antwort auf ein ehrliches „Was brauche ich wirklich?“ Und die Antwort kann man nicht von oben herab verordnen, sondern nur sich selbst geben. Wenn ich mich aber wirklich mit mir und meinen Bedürfnissen auseinandersetze, dann ist der Weg offen für ein Ballastabladen, eine Entschleunigung, eine Vereinfachung des Lebens und somit zu mehr Glück.

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Wie startet man in ein sparsames Leben?

Es beginnt mit ganz banalen Dingen wie dem Führen eines Haushaltsbuches, dem Erstellen eines Einkaufszettels, dem Vermeiden von Autofahrten. In weniger einkommensstarken Haushalten ist aber die Ernährung ein großer Posten und deshalb hat man das Gefühl, dass da besonders viel Potential drinnen wäre. Ich persönlich würde aber gerade da nicht mit dem Sparen beginnen, weil eine gesunde Ernährung die beste Ansparform zur Vermeidung von zukünftigen Erkrankungen ist. Hier sind Themen wie Restlkochen, Einkochen oder Vorratshaltung sehr hilfreich und bieten Sparpotential, ohne auf gesunde Ernährung zu verzichten.

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Wagen Sie einen Blick in die Zukunft?

Ich habe keine Ahnung, was in den nächsten 20 Jahren kommen wird. Nur eines steht zweifelsfrei fest: es bleibt nicht, wie es ist. Wenn man die Entwicklungen der letzten Jahre anschaut, dann ist allzu viel Optimismus für die einfache Bevölkerung nicht angebracht. Eine freiwillige Vereinfachung des Lebensstils, mehr Sparsamkeit ist kein Muss, aber man wird damit sicher in Zukunft etwas Gutes für sich selber tun, weil man flexibler auf Entwicklungen reagieren kann.
Ich habe bestimmte Vorstellungen, wie meine nähere Umgebung aussehen könnte. Eine funktionierende lokale Versorgung mit aktivem Gartenbau, bäuerlicher Nahversorgung – eine gewisse lokale Autarkie, nicht nur mit Lebensmitteln, auch zum Teil mit Energie. Viel mehr selbermachen, selbereparieren und ein unkompliziertes Miteinander, ein Helfen und nicht ein Übertrumpfen wollen, echte Hilfe und nicht ein gegenseitiges Aufrechnen. Das wäre es schön.
Ganz konkret möchte ich ab März in Pill ein Zeichen in diese Richtung setzen. Am 8.3. findet dort ein Reparaturcafé statt, bei dem jeder seine defekten bzw. kaputten Dinge (von Toaster bis Puppe, von Vorhang bis Schublade usw.) mitbringen kann, um sie dort gemeinsam mit einem Fachmann wieder in Stand zu richten. Diese Fachleute arbeiten ehrenamtlich, die Reparatur ist kostenlos (freiwillige Spenden sind natürlich willkommen). Mehr Infos dazu hier.

Das Gespräch führte  Julia Hitthaler
Foto: Chones