Wandern auf den Spuren der Geschichte Samertal

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Wandern auf den Spuren der Tiroler Geschichte: das Samertal im Karwendel | Ein abgeschiedenes Tal, ohne das der Haller Salzbergbau über Jahrhunderte nicht möglich gewesen wäre | Eine über 600 Jahre alte Alm, die ein Drittel der Innsbrucker Stadtfläche umfasst

Spurensuche: Wie ein verschwiegenes Innsbrucker Tal den Haller Salzbergbau jahrhundertelang erst möglich machte

Für die ersten Episoden von „Spurensuche“ haben wir uns mit einfacheren Wanderungen auf die Spuren der Tiroler Geschichte begeben. Zuerst einmal Kondition aufbauen. Nun ist eine Steigerung angesagt. Für die einfachste Variante gilt es diesmal sechs Stunden zu veranschlagen, für die Monstervariante ist ein ganzer Tag fällig. Ziel ist das Samertal auf der Rückseite der Innsbrucker Nordkette mit der dort zentral gelegenen Möslalm. Grund für die Wahl dieses Ortes? Ohne dieses verschwiegene Tal und seinen Waldreichtum wäre der Haller Salzbergbau zwischen Ende des 14. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts nicht möglich gewesen.

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Ich komme mir vor, als würde ich unter der Dusche stehen. Dabei befinde ich mich in einem abgelegenen Teil von Tirol und nicht im Badezimmer. Der Schweiß rinnt in Strömen, dabei ist die Wanderung, die ich mir vorgenommen habe, alles andere als anstrengend und ich erst eine Stunde unterwegs. Aber die Sonne sticht vom Himmel, die Felsen strahlen die gespeicherte Hitze unerbittlich ab. Ich bin froh, dass es nun in die kühle Gleirschklamm geht. Diesen Luxus der freizeitsportlichen Routenwahl hatten Hundertschaften an Arbeitern der Salinengesellschaft von Hall in Tirol über hunderte Jahre nicht. Unermüdlich schlugen sie seit Ende des 14. Jahrhunderts Holz im Gleirsch- und Samertal, den abgelegenen Innsbrucker Tälern hinter der Nordkette, nur von Scharnitz aus passabel zu erreichen. Unermüdlich wurde das Holz anschließend über mehr als 1000 Höhenmeter auf das Stempeljoch am Talende oberhalb der Pfeishütte geschleppt und von dort auf halsbrecherische Art und Weise ins Halltal befördert. Aus dieser Zeit stammt auch die Namensbezeichnung für das Stempeljoch: Als „Stempel“ wurden im Bergbau die Holzstützen bezeichnet, mit denen die Gänge in den Bergwerken abgestützt wurden. Ein Stück des Saumweges aus dem 14. Jahrhundert, der sogenannte Durschlag, wurde am Joch durch den Felsen geschlagen und ist heute noch Teil des Wanderpfades über der das Joch. Das einst riesige Haller Salzbergwerk erwies sich als immenser „Holzfresser“. Ganze Wälder wurden zum Wohle der lukrativen Salzgewinnung geholzt (Details siehe Infobox).

Ausgangspunkt der Wanderung ist Scharnitz (genaue Wegbeschreibung siehe unten). Von dort geht es zuerst kurz der Isar entlang und dann über die Scharnitzer Alm in Richtung Gleirschklamm. Eindrucksvoll ist sie, diese selbst unter Tirolern nicht sehr bekannte Klamm. Und wunderschön. Sie ist das Sahnehäubchen auf der dreistündigen Etappe von Scharnitz auf die Möslalm. Übrigens auch ein äußerst beliebtes Ziel für Mountainbiker. Dann geht es allerdings über die weiter östlich verlaufende Forststraße und nicht den Fußweg am westseitigen Ufer der Isar bzw. des Gleirschbaches. Kurz bevor sich der Gleirschbach, der erste größere Zufluss der Isar und ebendiese vereinen, trennen sich an einer Brücke die Wege von Mountainbiker und Wanderer – um sich erst hinter der Gleirschklamm, ungefähr auf halber Wegstrecke, wieder zu vereinen.

Kurz bevor wir die Möslalm erreichen, liegt nördlich des Gleirschbaches die Amtssäge. Ein Relikt aus der jahrhundertelangen Tradition der Holzgewinnung für den Haller Salzbergbau. Sie wurde bereits um 1400 von der Salinengesellschaft errichtet (ebenso wie die einst weiter taleinwärts gelegene Samersäge). Ebenso angelegt wurde ein

Saumpfad von knapp hinter Scharnitz bis hinauf auf das Stempeljoch – um das Holz zu den Sägen und dann weiter ins Halltal zu transportieren. Unglaubliche Strapazen, unglaublicher Aufwand, der betrieben wurde. Allerdings Aufwand, der erst den Salzabbau ermöglichte. Zu Beginn waren hierfür Packpferde im Einsatz, später dann Fuhrwerke. Man hatte den Saumpfad laufend ausgebaut, bis eine hochalpine Straße entstanden war (das Stempeljoch liegt auf über 2200 Metern Seehöhe).

Wir sind mittlerweile auf der Möslalm angekommen. Betrieben wird die Alm, die ebenfalls schon seit Ende des 14. Jahrhunderts besteht, von der Arzler Familie Kircher. Heute servieren die herzlichen Wirtsleute Graukäse als ihre Spezialität. Die in den letzten mehr als 600 Jahren unter verschiedensten Namen firmierende Alpe war aber lange für die Versorgung von Salinenarbeiter zuständig. Wohl auch deshalb entstand gerade hier mit 3000 Hektar Fläche eine der größten Almen Tirols. Der Hunger der Arbeiter war groß, der Bedarf an Fleisch und Milchprodukten neben dem Holz immens (Details zur Geschichte der Alm siehe Infobox).

Nach einer Stärkung steht man vor der Wahl: Wieder drei Stunden zurück nach Scharnitz? Oder über die Frau-Hitt-Scharte nach Innsbruck? Oder die Pfeishütte, den Götheweg und das Hafelekar in die Tiroler Landeshauptstadt? Um die Qual der Wahl noch schwieriger zu machen: Via dem alten Saumpfad und das Halltal ist auch der Weg nach Hall in Tirol möglich oder über das Solsteinhaus nach Zirl. Die gute Anbindung der Wanderroute an den Öffentlichen Verkehr macht es möglich: Per S-Bahn kommt man bequem nach Scharnitz, per Bus von Hall in Tirol oder Bahn ab Hochzirl wieder zurück nach Innsbruck. Wir sind mit dem Auto angereist – also geht es zurück nach Scharnitz. Wer ebenfalls mit dem Privatfahrzeug anreisen möchte, ein weiterer Tipp: die öffentlichen Parkplätze in Scharnitz kosten pro Tag sechs Euro. Wichtig: der Parkautomat nimmt die Gebühr nur genau abgezählt. Also vorbereitet sein. Beim Parkplatz „P2“ gibt es zwar einen Geldwechselautomaten, aber nicht bei „P3“.

Und wem die Füße schon auf der Möslalm schmerzen, dem sei ein Service der Wirtsfamilie ans Herz gelegt. Ab Juni gibt es auf der Möslalm Mountainbikes auszuleihen. Für acht Euro kann man entspannt nach Scharnitz fahren und die Sohlen schonen (detaillierte Infos dazu sind hier zu finden).

Einen kurzen Überblick zum Haller Salzbergbau gibt es im ausführlichen Zauberfuchs-Hintergrund-Bericht zum Bergbau in Tirol (hier zu finden).

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

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Wandern auf den Spuren der Geschichte - Samertal

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Stempeljoch (2215 Meter Seehöhe): 47.326364, 11.440038
Pfeishütte (1922 Meter Seehöhe): 47.330146, 11.426648
Möslalm (1262 Meter Seehöhe): 47.337300, 11.344336
Hafelekar (2269 Meter Seehöhe): 47.312458, 11.384763
Samertal mit Gleirschbach: 47.336661, 11.400384
Götheweg: 47.324095, 11.415919

WEGBESCHREIBUNG FÜR EINE GELUNGENE SPURENSUCHE
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  • Von Scharnitz zur Möslalm: Ob per Moutainbike oder zu Fuß – die Möslalm (Markierung „1“ in der Zauberfuchs-Karte) ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Ausgangspunkt für die Wanderung ist einer der öffentlichen Parkplätze in Scharnitz (gebührenpflichtig – pro Tag sechs Euro). Schon nach wenigen Geh-Minuten gelangt man an eine Isar-Brücke. Hier abzweigen (die Möslalm ist nicht angeschrieben, an den Wegweiser Scharnitzalm richten). Durch den Wald geht es immer höher die südliche Bergflanke hinauf, immer wieder gewähren Rinnen ein wunderbaren Ausblick hinunter in die Isarschlucht. Der Weg biegt dann Richtung Süden ab, es gilt wieder abzusteigen und man gelangt zum Gleirschbach, einem Isarzufluss. Kurz nach einer Brücke biegen wir nach rechts in die idyllische Gleirschklamm ein. „Nur für Geübte“ warnt ein Schild – wer gut zu Fuß unterwegs ist, für den ist der folgende Klammpfad aber zu bewältigen. Durch die
  • Wandern auf den Spuren der Geschichte Samertal
Schlucht geht es dann hinauf in das Gleirschtal, wo man dann auf die Forststraße trifft. Halbzeit. Der Forstraße geht es dann durch das Gleirschertal in das Samertal. Nach etwa drei Stunden ist die wunderschön gelegene Möslalm erreicht.
  • Von der Möslalm nach Innsbruck I: Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder nimmt man den direkten Weg durch das Kleinkristental hinauf auf den Frau-Hitt-Sattel. Dabei sind rund 1000 Höhenmeter zu bewältigen. Gehzeit etwa zweieinhalb Stunden. Von dort geht es zur Seegrube (ungefähr eine weitere Stunde) und dann mit der Nordkettenbahn zu Tal. Für besonders wanderfreudige kann auch der Abstieg über die Höttinger Alm nach Hötting gewählt werden. Als Gesamtgehzeit von der Möslalm sind in diesem Fall allerdings fünfeinhalb Stunden einzuplanen.
  • Von der Möslalm nach Innsbruck II: Die zweite Möglichkeit führt uns bis ans Ende des Samertals und hinauf auf die Pfeishütte (Markierung „2“ in der Zauberfuchs-Karte) . Zweieinhalb Stunden sind für diese Etappe zu veranschlagen. Von dort geht es über den Götheweg auf das Hafelekar (eieinhalb Stunden dazurechnen). Vom Hafelekar (Markierung „3“ in der Zauberfuchs-Karte) mit der Nordkettenbahn hinunter nach Innsbruck.
  • Von der Möslalm nach Hall in Tirol: Von der Pfeishütte zweigt man von der zuvor beschriebenen Route Richtung Stempeljoch ab. Durch das Isstal geht es hinunter zu den Herrenhäusern und durch das Halltal hinaus nach Hall in Tirol. Gehzeit ab Pfeishütte etwa zweieinhalb Stunden.

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HINTERGRUND: SAMERTAL
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  • Holz für den Salzbergbau: Ohne die Wälder des Gleirsch- und Samertales wäre der Haller Salzbergbau über Jahrhunderte nicht möglich gewesen. Der Bedarf an Holz war immens: Viele Kilometer an Stollen mussten mit Holz abgestützt werden, die Sole wurde über kilometerlange Holzleitungen nach Hall transportiert, viele Hütten waren aus Holz errichtet. Zudem gab es großen Bedarf an Brennholz. Bereits aus der Zeit um 1400 ist belegt, dass der Forstbetrieb im Gleirsch- und Samertal ausschließlich für den Haller Salzbergbau betrieben wurde. Der Name Samertal weist noch heute darauf hin, er geht auf den einstigen Saumpfad zurück. Dieser wurde – beginnend am unteren Ende des Gleirschtals bei der Enmündung des Gleirschbaches in die Isar – bis hinauf auf das Stempeljoch angelegt (Höhenunterschied etwa 1200 Meter). Die Salinengesellschaft errichtete außerdem viele Arbeiter-Unterkünfte und Betriebe im Tal (Amtssäge – knapp westlich der Möslalm, Samersäge – etwa vier Kilometer östlich der Möslalm, auch Köhlerhütten zur Herstellung von Kohle). In beschwerlicher Arbeit wurde von Pferden, später Fuhrwerken, das im Sommer geschlagene Holz bis zum Wintereinbruch auf das Stempeljoch transportiert und dort über den Winter eingelagert. Im Frühjahr ging es dann per Schneetrift (die Stämme wurden über die Schneefelder abgerutscht) durch das Isstal hinunter zu den Herrenhäusern. Erst 1858 wurde dieser unglaublich beschwerliche, hochalpine Holztransport eingestellt. In diesem Jahr wurde nämlich die Bahnstrecke Kufstein-Innsbruck eröffnet. Das Holz kam nun aus dem Inntal. Wer mehr darüber wissen möchte: In Band sieben der Info-Bröschüren zum Alpenpark Karwendel ist eine ausführliche Geschichte zum Samertal und seine Bedeutung für den Haller Salzbergbau zu finden (ab Seite 28).
  • Die Möslalm: Im Anschluss an das Gleirschtal (aus Scharnitz kommend) befindet sich das Samertal. Mit einer Fläche von insgesamt 3000 Hektar (rund ein Drittel des Innsbrucker Stadtgebietes) nimmt die Möslalm, eine von fünf im Besitz der Stadt Innsbruck befindlichen Almen, einen Großteil des Tales und der umliegenden Wälder ein. Früher wurde die Möslalm auch Arzler Kristenalm genannt (die Bezeichnung stammt vom Kleinkristental, das bei der Alm südwärts abzweigt). Der Bereich direkt um die Alm gehört zum Innsbrucker Stadtteil Hötting, der Teil im mittleren Samertal zu Mühlau und der hintere Bereich Richtung Pfeishütte zu Arzl. Die Alm gelangte durch die Eingemeindung von Hötting, Mühlau und Arzl zu Innsbruck. Die Alm wurde bereits 1384 erstmals in Höttinger Kirchenakten erwähnt (als Sankt Ingenuin Alpe). Vor 600 Jahren wurde sie noch von Rumer und Thaurer Bauern betrieben, später von Arzler, Mühlauer und Höttingern (das Vieh wurde damals mühsam über das Hafelekar auf die Alm getrieben).
Fotos: Google Earth, Rößler, Schima (7)