Wandern auf den Spuren der Geschichte Hafelekar

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Wandern auf den Spuren der Tiroler Geschichte: Das Höhenstrahlungsobservatorium des Physik-Nobelpreisträgers von 1936, Victor Franz Hess | In der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs plante die Deutsche Luftwaffe ein Top-secret-Projekt am Hafelekar: Geheimoperation Salamander

Spurensuche: Deckname Salamander – als eine geheime Radarstation am Hafelekar den Himmel Richtung Italien beobachtete

Das Hafelekar kennt jeder als Ausflugsziel mit imposantem Blick hinunter auf die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck. Imposant war aber wohl auch der Blick hinauf auf den Berg, als dort gegen Ende des Zweiten Weltkrieges noch eine riesige Radarstation stand, die im Auftrag der Deutschen Luftwaffe aus Italien anfliegende Verbände der US-amerikanischen Luftwaffe im elektronischen Auge behalten sollte. Dies weiß ebenso nicht jeder, wie auch dass ein Nobelpreisträger auf dem Innsbrucker Hausberg eine einzigartige Forschungsstation ins Leben gerufen hat. Vor mehr als 80 Jahren Jahren – und sie besteht noch heute. Von der einstigen Radaranlage direkt vor der Forschungsstation gibt es mittlerweile nur noch wenige Spuren. Und dann gab es da noch einen „Leuchtturm“ für Nachtjäger der Deutschen Luftwaffe. Am Gleirscher Jöchl, etwas weiter östlich. Das leichte Leuchtfeuer mit Decknamen „Weißdorn“.

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In der siebten Episode von „Wandern auf den Spuren der Geschichte“ verzichten wir für die Anreise ab Innsbruck auf den Privat-Pkw und vertrauen ganz auf Öffis und die eigenen Beine. Ausgesprochen abwechslungsreich wird der Einsatz verschiedenster Verkehrsmittel übrigens. Neben unserer Wanderausrüstung benötigen wir dafür rund 58 Euro (pro Erwachsenen) für die Tickets: Seilbahn, Mountainbike, Eisenbahn. Und einen ganzen Tag Zeit. Sehr geheimnisvoll sind die Spuren, auf die wir uns begeben und die wir erkunden wollen. Sie führen uns einerseits zurück in die Zeit vor den Zweiten Weltkrieg und in selbigen selbst. Und zwar alles an einer einzigen Stelle knapp vor den Toren der Tiroler Landeshauptstadt. Neugierig?

Unser Wanderausflug beginnt beim Innsbrucker Kongresshaus. Denn als erstes geht es zur Hungerburgbahn. Dort lösen wir aber gleich eine Fahrkarte bis hinauf auf das Hafelekar (17,70 Euro). Wir nehmen die erste Bahn um 8 Uhr. Damit erreichen wir anschließend auch die erste Bergfahrt der Nordkettenbahn auf die Seegrube und in weiterer Folge die Erste auf das Hafelekar. Dort stehen wir dann und genießen bei wunderschönem Wetter das spektakuläre Morgen-Panorama. Und begeben uns umgehend auf Spurensuche. Denn die Spuren sind gleich hinter der Bergstation zu finden. Als erstes sticht ein flaches, sichtlich lange bestehendes Gebäude ins Auge. Es handelt sich dabei um die vom österreichischen Physik-Nobelpreisträger Victor Franz Hess während seiner Zeit an der Universität Innsbruck 1931 gegründete Forschungsstation Hafelekar  zur Beobachtung von kosmischer Strahlung. Ein Höhenstrahlungsobservatorium. Die einzige ihrer Art bis heute in Österreich. „Als nun im Winter 1930/31 meine Berufung an die Universität Innsbruck in greifbare Nähe rückte, reifte in mir der Plan, das mittels Seilbahn von der Stadt Innsbruck aus das ganze Jahr hindurch bequem in 40 Minuten erreichbare, auf dem Nordkettenkamm gelegene Hafelekar als Beobachtungsort zu wählen“, zitiert die Universität in einem Bericht Hess dazu.

Wohl exakt das gleiche haben sich Verantwortliche der Deutschen Luftwaffe knapp zehn Jahre später gedacht, als sie einen Beobachtungsort für eine ihrer Wunderwaffen suchten. In der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs plante man ein hochgeheimes Projekt am Innsbrucker Hausberg. Eine von nur sechs in Österreich zum Einsatz kommende Radarstationen der Wunderwaffe namens Freya (eine nordische Sagengestalt, übersetzt Flamme – die im Dunkeln sehen konnte) sollte am Hafelekar zum Einsatz kommen. Äußerst wenig ist über dieses Top-secret-Projekt heute in Erfahrung zu bringen (mehr dazu in der Infobox rechts). Wer allerdings die eingeebnete Fläche vor der Forschungsstation genauer betrachtet, wird der Tiroler Freya auf die Spur kommen. Anhand des Fotos aus den Beständen des US-Nationalarchivs (rechte Spalte) muss man dann nur seine Fantasie

walten lassen und die geheime Anlage in Gedanken wieder aufbauen. Knapp 15 Meter hoch war das Ungetüm und konnte rund 120 Kilometer nach Süden „sehen“. Also in etwa bis in die Gegend von Trient. Sie sollte Bomber der US Air Force frühzeitig im Anflug auf Ziele in Tirol und Süddeutschland ausmachen und die Luftverteidigung alarmieren.

Wir ordnen unsere Gedanken und kehren in die Gegenwart zurück. Denn nun kommt der zweite Teil von „Wandern auf den Spuren der Geschichte“ – der Wanderspaß. Und er wird einige Stunden in Anspruch nehmen. Viel Zeit also, um die Vergangenheit im Kopf dann nochmals Revue passieren zu lassen. Als erstes begeben wir uns auf den Götheweg Richtung Osten. Wir wollen zur Möslalm. Mit dem beliebten Ausflugsziel haben wir uns bereits in Episode sechs von „Spurensuche“ im Kapitel „Schier unglaubliche Strapazen“ beschäftigt (der Artikel ist hier zu finden). Dafür können wir nun aus zwei Routen wählen. Entweder biegen wir nach rund einer halben Stunde Gehzeit von Gleirscher Jöchl direkt zur Alm ab (Gesamtgehzeit ca. drei Stunden) oder wir bleiben etwas länger auf dem Götheweg und nehmen die Route über die Pfeishütte (Gesamtgehzeit rund vier Stunden). Beide Wege sind mäßig anspruchsvoll. Man sollte nur aufgrund des vielen Gerölls auf Teilen der Wege gutes Schuhwerk dabei haben und Trittsicherheit mitbringen. Apropos Gleirscher Jöchl: Augen auf, im Gelände bei der Abzweigung zur Möslalm sind noch wahrscheinliche Überreste des leichten Leuchtfeuers mit Decknamen „Weißdorn“ zu finden (siehe Foto rechts, Details in der Infobox).

Auf der Möslalm kehren wir dann gemütlich ein, trinken ein Glas Milch (Frisch- oder Buttermilch, beides sehr zu empfehlen) und wer mag kräftigt sich mit einer Portion Graukaas – auf der Alm hergestellt und international prämiert. Wer kein Graukaasfan ist, dem sei das Lamm aus eigener Schlachtung ans Herz gelegt. Und bei der Bestellung ordern wir bei der Hüttenwirtin zugleich ein Miet-Mountainbike, das uns anschließend das Samertal hinaus nach Scharnitz bringen wird (acht Euro bereit legen). Wer keine Abwechslung in Sachen Fortbewegung möchte, der sollte sich allerdings auf einen weiteren dreieinhalbstündigen „Hatscher“ vorbereiten. Mit dem Mountainbike braucht man weniger als eine Stunde für die zwölf Kilometer.

In Scharnitz angekommen, das Fahrrad abgegeben (wo und wie erfährt man auf der Möslalm), spazieren wir zum Scharnitzer Bahnhof (nur knapp zehn Minuten vom Karwendelparkplatz – an der Hauptstraße rechts Richtung Grenze – entfernt). Kurz nach jeder vollen Stunde fährt eine S-Bahn Richtung Innsbruck (Ticketpreis 7,40 Euro). Am Hauptbahnhof endet unsere Rundreise. Viel mehr Abwechslung kann ein Wandertag nicht bieten.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

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Wandern auf den Spuren der Geschichte - Hafelekar

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Wetterstation und Ort der ehemaligen Radarstation am Hafelekar: 47.312691, 11.384098
Gleirscher Jöchl: 47.313505, 11.395298
Mandlscharte: 47.320721, 11.412679
Pfeishütte: 47.330015, 11.425736
Möslalm: 47.337330, 11.343060
Angerbachtal und Angerwald: 47.326406, 11.377111
Samertal: 47.336412, 11.402775

WEGBESCHREIBUNGEN FÜR EINE GELUNGENE SPURENSUCHE
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  • Erste Etappe, Hafelekar-Möslalm: Alle Wege führen nach Rom, heißt es: Am Hafelekar führen alle Wege zur Möslalm. Naja – fast alle. Von der Bergstation der Nordkettenbahn geht es auf dem Götheweg Richtung Osten. Am Grat entlang, vorbei an der Hafelekarspitze, abwechselnd mit atemberaubendem Blick ins Inntal oder ins Karwendel. Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir das Gleirscher Jöchl (Markierung „1“ in der Zauberfuchs-Karte). Über dieses Joch trieben vor Jahrhunderten Rumer und Arzler Bauern, als diese noch Pächter der Möslalm im Samertal waren, Kühe, Schafe und Ziegen auf die Alm. Kaum vorstellbar bei der Steilheit des
  • Wandern auf den Spuren der Geschichte Hafelekar
Geländes. Hier zweigt der etwas kürzere Weg hinein ins Karwendel ab, der uns zum Etappenziel bringen soll (Wegmarkierung Nummer 216). Idyllisch geht es ca. drei Stunden entlang der östlich gelegenen Gleirschzähne hinunter ins einsame Angerbachtal und durch den Angerwald. Viele Wanderer scheinen hier nicht vorbeizukommen, sogar Schneehühner schrecken wir auf. Wer alternativ über die Pfeishütte zur Möslalm wandern möchte (knapp vier Stunden), bleibt noch etwas länger auf dem Götheweg, vorbei an der Gleirschspitze geht es zur Mandlscharte (Markierung „2“ in der Zauberfuchs-Karte) und dann über die Pfeishütte (Markierung „3“ in der Zauberfuchs-Karte) hinunter ins Samertal und weiter zur Möslalm (Markierung „4“ in der Zauberfuchs-Karte).
  • Zweite Etappe, Möslalm-Scharnitz: Von der auf Innsbrucker Gebiet befindlichen Möslalm geht es Richtung Westen. Vorbei an der Amtssäge (deren Geschichte in der sechsten Episode von „Spurensuche“ beschrieben ist) ins Gleirschtal. Vorerst nehmen Wanderer und Mountainbiker den gleichen Weg. Bei der Einmündung des westseitig gelegenen Isertals (anfangs Richtung Oberbrunnalm) haben Wanderer die Möglichkeit in die spektakuläre Gleirschklamm abzusteigen und den Weg durch diese fortzusetzen. Für die Mountainbiker geht es weiter über den Forstweg. Wanderer sollten dreieinhalb bis vier Stunden für den Weg nach Scharnitz veranschlagen, Radler knapp eine Stunde.

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HINTERGRUND: HAFELEKAR
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  • Victor Franz Hess und das Hafelekar: Der österreichische Physik-Nobelpreisträger von 1936, Victor Franz Hess , leitete ab 1931 als Professor an der Universität Innsbruck das in Tirol damals neu entstandene Institut für Radiologie. Auf die Initiative von Hess geht die Messstation am Hafelekar (siehe Fotos in dieser Spalte oben) zur Beobachtung von kosmischen Strahlung zurück (nähere Informationen sind hier zu finden).
  • Das Funkmessgerät Freya der Deutschen Luftwaffe: Die Funkmessgeräte bzw. Radargeräte der Klasse Freya  waren laut Wikipedia eine frühe Entwicklung der Radartechnik im Deutschen Reich. „Der Deckname Freya stammte von der nordischen Göttin Freya. Dieser wird in Erzählungen die Fähigkeit zugesprochen, in der Nacht sehen zu können. Während des Zweiten Weltkrieges wurden über tausend Geräte installiert.“ Die Stellung oberhalb von Innsbruck wurde von der Deutschen Luftwaffe nach dem an der Nordkette vorkommenden Alpen-Salamander benannt (die erhaltenen Daten zu diesem Geheimprojekt sind äußerst spärlich). Sie war eine von nur sechs heute noch bekannten derartiger Anlagen in Österreich. Die Weiteren sollen sich hier befunden haben: Pfänder bei Bregenz (Deckname „Uhu“), Gaisberg bei Salzburg („Giraffe“), Rax bei Mürzzuschlag („Henne“), Schmittenhöhe bei Zell/See („Schimmel“) und Hochtor am Großglockner („Hund“).
  • Die Stellung „Salamander“ auf dem Innsbrucker Hafelekar: Die 20. leichte Flugmelde-Kompanie der dritten Abteilung des Luftnachrichten-Regiments 227 wurde am 2. September 1944 in Innsbruck aufgestellt (ursprünglich zehnte Kompanie des Luftgau-Nachrichten-Regiments 7). Sie sollte einerseits die Freya-Anlage auf dem Hafelekar – Stellung „Salamander“ genannt – betreuen, andererseits eine Reihe von Luftbeobachtern stellen. Denn die Deutsche Wehrmacht richtete auf markanten, südlich gelegenen Bergen der österreichischen Alpen über 2000 Höhenmeter insgesamt etwa 25 sogenannte Höhenflugwachen ein. Das Ziel all dieser Bemühungen war es, von den großen italienischen Luftwaffenbasen anfliegende US-Bomberverbände frühzeitig zu orten, und die potenziellen Zielorte (und deren Flugabwehrverbände) in Süddeutschland, aber auch Tirol selbst, zu warnen bzw. die Abfangstaffeln der deutschen Luftwaffe in Altenstadt im Schongau (Tirol betreffend) zu alarmieren. Ein Beispiel für die Abläufe gibt der Zauberfuchs-Artikel „Luftkampf über Ehrwald“ (hier zu finden). Im OKL-Generalnachrichtenführer der Deutschen Luftwaffe (Flugmeldeeinsatz- und Organisationsplanung) mit Stand 20. Juni 1944 wurde „Salamander“ erstmals aufgeführt. Einsatzbereit sollte die Anlage der Type „FuMG 450 Freya AN“ mit einer Besatzung von 150 Mann allerdings erst später sein. Die Innsbrucker Freya-Anlage soll der modernen Klasse EGON  mit Nachtjagdeinsatzfähigkeit und Freund-/Feind-Erkennung angehört haben.
  • Leichtes Leuchtfeuer „Weißdorn“ auf der Innsbrucker Nordkette: Unter einem „leichten Leuchtfeuer“ versteht man eine Navigationshilfe für Nachtjäger der Deutschen Luftwaffe (laut einem Manual der Luftwaffe aus dem Jahr 1941: „ Verwendungszweck: Das Gerät ermöglicht durch seine Lichtsignale die Orientierung des Flugzeugführers über unbekanntem Gelände bei Nacht.“). Im Prinzip handelt es sich um auf einem Mast montierte starke Scheinwerfer. In Tirol gab es drei davon: „Kaktus“ bei Ischgl, „Vogelbeere“ bei Kitzbühel und eben „Weißdorn“. Die genaue Lage von „Weißdorn“ ist nicht mehr bekannt, es gibt aber Hinweise, dass die Anlage auf dem Gleirscher Jöchl, etwas östlich der Radarstation am Hafelekar, stand (es finden sich dort auch noch alte rostige Eisenteile – siehe Foto oben; laut Fotovergleich mit einer Abbildung in einem Manual der Deutschen Luftwaffe aus dem Jahr 1941 könnte es sich dabei u.a. um Aufhängungsteile des Scheinwerfers handeln).
  • Schweres Leuchtfeuer „Heinrich“ auf der Innsbrucker Nordkette? Auch das „schwere Leuchtfeuer“ mit Decknamen „Heinrich“ könnte sich auf der Nordkette befunden haben. In fast allen Unterlagen wird der Aufstellungsort als nicht mehr zuordenbar beschrieben, doch auf einer alten Landkarte des Luftflotten-Kommandos Reich vom August 1944 ist „Heinrich“ ebendort eingezeichnet (die Karte ist hier zu finden). Bei „Heinrich“ handelt sich um eine größere Version des „leichten Leuchtfeuers“ (siehe „Weißdorn“).
Fotos: Google Earth, Schima (7), The US National Archives and Records Administration