Wandern auf den Spuren der Geschichte Giessenbach

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Wandern auf den Spuren der Tiroler Geschichte: Gebirgserprobungsflüge einer deutschen Wunderwaffe gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Gebiet der Eppzirler Alm | Vergessen: 19 deutsche Wehrmachtssoldaten finden in einer Lawinenkatastrophe in der Gießenbach-Klamm den Tod

Spurensuche: Als sich ein Drache in
einem verschlafenen Tiroler Tal vor einer anrückenden Armee versteckte

Nach unserem Ausflug in das Samertal – in der letzten Episode von „Spurensuche“ beschrieben (hier zu finden) – bleiben wir im westlichen Teil des Karwendels. Unser Ziel bei der aktuellen Wanderung auf den Spuren der Tiroler Geschichte ist das Eppzirler Hochtal. Während das Samertal im Mittelalter eine prominente Rolle einnahm, stand das Eppzirler Hochtal im Zweiten Weltkrieg im Rampenlicht. Es war nämlich jenes verschlafene Tal, in dem sich ein Drache vor einer anrückenden Armee versteckte.

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Unsere Wanderung auf die Eppzirler Alm beginnt in Gießenbach, einer kleinen Siedlung zwischen Seefeld und Scharnitz (genau Wegbeschreibungen siehe Infobox unten). Vom Bahnhof der Karwendelbahn geht es hinein in die schmale und schroffe Gießenbach-Klamm. Zu Beginn geht es auf der Forststraße beschaulich bergauf, ehe nach etwa einer Stunde Gehzeit bei der Abzweigung des Weges auf die Oberbrunnalm ein längerer Anstieg folgt. Dieser entlässt uns dann in ein wunderschönes Hochtal. Für den Rest des Weges können wir nach der Anstrengung gemütlich ausschnaufen und die Natur genießen. Nach insgesamt etwa zwei Stunden erreichen wir die Alm, ein beliebtes Ausflugsziel bei Wanderern und Mountainbikern.

Lautes Knattern, Laute, die sie noch nie gehört hatten, erschreckten im September 1944 die Bewohner von Scharnitz. Aus Richtung Mittenwald näherte sich in niedriger Höhe ein ungewöhnliches Fluggerät. Es war kein Flugzeug. Flugzeuge hatten die Bauern der Gegend schon gesehen. Was sie nicht wissen konnten – es handelte sich bei dem lauten, langsam fliegenden Monstrum um einen Hubschrauber. Eine FA223, der erste Serienhubschrauber der Welt, eine der sogenannten Wunderwaffen der Armee von Adolf Hitler. Die Focke-Achgelis hatte einen Spitznamen, der ihrem Auftritt mehr als gerecht wurde – man nannte sie Drache. Der deutsche Luftwaffen-Drache überflog Scharnitz und verschwand in der Gießenbach-Klamm. Das Ziel war die Eppzirl. Dort sollten bis Kriegsende, wie auch in anderen Teilen Tirols (siehe Infobox), Gebirgserprobungsflüge des Hubschraubers erfolgen. Die Bewohner von Scharnitz sollten noch öfter Bekanntschaft mit dem Drachen machen.

Die Eppzirl hatte die Deutsche Wehrmacht einst aber auch anderweitig in Bann gezogen. Auf unserem Rückweg von der Eppzirler Alm biegen wir an der Wegkreuzung zur Oberbrunnalm in Richtung Oberbrunnalm ab. Nach wenigen Minuten erreichen wir auf der anderen Talseite ein kleines Plateau.

Unscheinbar, auffällig auf den ersten Blick sind nur Tierfütterungsstellen. Doch dann steht ein geheimnisvoller runder Betonsockel vor uns. Direkt neben der Forststraße. Er markiert einerseits die Lage eines Bunkers, andererseits aber auch den Ort einer mittlerweile gesprengten Kaserne der Deutschen Wehrmacht. Während des Krieges standen hier dreistöckige Kasernengebäude. Der Stützpunkt wurde zur Gebirgsjäger-Ausbildung genutzt und sollte auch Teil der sogenannten Alpenfestung werden. Bekannt wurde die geheime Anlage in Kriegstagen durch ein schreckliches Unglück. Während eines Winterausbildungs-Lehrgangs fanden 19 deutsche Soldaten in der Nähe in einer Lawinenkatastrophe den Tod. Mehr Tote auf Tiroler Boden forderte nur die Lawinenkatastrophe von Galtür 1999 (31 Tote).

Das Eppzirler Hochtal wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs noch einmal zur Bühne deutscher Militärs. Als im Mai 1945 US-Truppen anrückten, wurde das verschlafene Tal ausgewählt, einen Drachen zu verstecken – jene Focke-Achgelis FA223, die schon seit Herbst 1944 bei ihren Testflügen für Aufregung bei der Bevölkerung gesorgt hatte. Die deutsche Wunderwaffe sollte nicht in US-Hände gelangen. Das technische Detailwissen über den in diesen Tagen sonderbaren Flugapparat sollte geheim bleiben. Testpilot Carl Bode verlegte seine FA223 am 24. April 1945 in das einsame Tiroler Hochtal. Die Maschine wurde nach der Landung – ganz in der Nähe der Eppzirler Alm – zerlegt. Der Rotorkopf wurde gesprengt. Der Rumpf stand noch jahrelang auf einer Almwiese, ehe er von einer Mure verschüttet wurde. Im Jahr 1982 wurde die Maschine unter Mithilfe des einstigen Testpiloten Carl Bode wiederentdeckt. Das österreichische Bundesheer barg diverse Hubschrauberteile und den Motor der Maschine und flog diese nach Innsbruck aus. Danach wurden sie in das Fahrzeug-, Technik- und Luftfahrtmuseum nach Bad Ischl überstellt.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

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Wandern auf den Spuren der Geschichte - Giessenbach

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Eppzirler Alm: 47.331193, 11.267175
Oberbrunnalm: 47.355445, 11.277195
Ehemalige Wehrmachtskaserne: 47.357451, 11.257637
Gleirschklamm: 47.366884, 11.308341
Gießenbach-Tal: 47.367117, 11.250384

WEGBESCHREIBUNGEN FÜR EINE GELUNGENE SPURENSUCHE
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  • Oberbrunnalm: Ausgangspunkt ist der Parkplatz direkt hinter dem Bahnhof in der Siedlung Gießenbach zwischen Seefeld und Scharnitz. Entlang des Gießenbaches geht es durch die schroffe Klamm hinein in die Berge der Erlspitzgruppe. Nach etwa einer Stunde erreicht man eine Ebene, erkenntlich an den Fütterungsstellen, von der es dann bergan zur Oberbrunnalm geht (Markierung „1“ in der Zauberfuchs-Karte). Es ist dies auch die Stelle, an der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges eine große Wehrmachtskaserne stand (einziges Überbleibsel ist der Betonsockel einer Bunkeranlage direkt neben der Forststraße – siehe Foto rechts unten). Nach einer weiteren Stunde Gehzeit erreicht man die Oberbrunnalm (Markierung „2“ in der Zauberfuchs-Karte). Von dort gibt es zwei Möglichkeiten, um zurück an
  • Wandern auf den Spuren der Geschichte Giessenbach
den Ausgangspunkt zu kommen. Entweder über den Hinweg oder man schließt eine Rundwanderung an. Diese führt einen hinab in die eindrucksvolle Gleirscher Klamm und hinaus Richtung Scharnitz zur Scharnitzer Alm. Von dort geht es weiter nach Scharnitz und über den Waldweg zurück nach Gießenbach. Restliche Gehzeit ca. drei Stunden.
  • Eppzirler Alm: Ausgangspunkt für diese Wanderung ist ebenfalls der Parkplatz direkt hinter dem Bahnhof in der Siedlung Gießenbach zwischen Seefeld und Scharnitz. Neuerlich geht es entlang des Gießenbaches durch die schroffe Klamm hinein in die Berge der Erlspitzgruppe. Nach etwa einer Stunde Gehzeit teilt sich der Weg in Richtung Oberbrunnalm bzw. Eppzirler Alm (Markierung „1“ in der Zauberfuchs-Karte). Von dort geht es zuerst steil bergauf bis ins Hochtal und von dort recht flach zurück zum Talschluß, wo die Eppzirler Alm unterhalb der eindrucksvollen Bergkette rund um die Erlspitze zu einer Pause einlädt (Markierung „3“ in der Zauberfuchs-Karte). Gehzeit zwei Stunden. Von der Eppzirler Alm geht es über den Hinweg zurück an den Ausgangspunkt der Wanderung. Anmerkung: Wer längere Wanderungen im südwestlichen karwendel plant, kann die Eppzirler Alm als idealen Starpunkt wählen. Über diverse Joche geht es in Richtung Gleirscher- bzw. Samertal (Zirler Kristenalm bzw. Möslalm), in Richtung Hochzirl (über das Solsteinhaus) oder in Richtung Seefeld.

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HINTERGRUND: GIESSENBACHTAL
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  • Der Focke-Achgelis FA223 war der erste in Serie hergestellte Hubschrauber der Welt. Sein Spitzname war Drache. Die ersten Erprobungsflüge der FA223  wurden im Oktober 1939 durchgeführt. Die Serienproduktion begann 1941. Allerdings wurden nur insgesamt 20 Stück fertiggestellt. Im Februar 1945 begann die Aufstellung einer Transportstaffel bei Ainring in Bayern nahe der Stadt Salzburg. Aufgrund von US-Luftangriffe wurde die Staffel nach Aigen im Ennstal in Österreich verlegt, noch heute ein Hubrschrauberstützpunkt des österreichischen Bundesheeres. Wegen des Vorstoßes der sowjetischen Truppen wurde die Transportstaffel in weiterer Folge im Mai 1945 nach Westen (Salzachtal) verlegt. Gegen Ende des Krieges wurden die Fluggeräte an die US-Truppen übergeben (siehe Foto rechts, eine FA223 in US-Bemalung).
  • Focke-Achgelis FA223 in Tirol versteckt: Im Herbst 1944 wurde eine Maschine aus dem Hauptstützpunkt in Ainring in die große Gebirgsjägerkaserne der Deutschen Wehrmacht nach Mittenwald kurz vor der Tiroler Grenze verlegt. Mit ihr wurden Gebirgserprobungsflüge, hauptsächlich im Tiroler Karwendel zwischen Scharnitz und Innsbruck sowie im Zugspitzgebiet im Außerfern, durchgeführt. Bereits zu diesem Zeitpunkt war Eppzirl ein beliebtes Erpobungsgebiet der Testpiloten (September 1944). In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 wählte Testpilot Carl Bode dann die Eppzirler Alm als Versteck vor der anrückenden US-Armee.
  • Wehrmachtsstützpunkt in der Gießenbach-Klamm: An der Weggabelung Oberbrunnalm/Eppzirler Alm am Ende der Gießenbach-Klamm auf knapp 1500 Metern Höhe befindet sich ein kleines Plateau. Bereits zu Beginn des Zweiten Weltkrieges erbauten Gebirgsjäger der Deutschen Wehrmacht aus Mittenwald dort eine dreistöckige Kaserne. Von hier aus wurde im westlichsten Teil des Tiroler Karwendels die Gebirgsjäger-Ausbildung durchgeführt. Aber auch SS-Einheiten nutzten die Wehrmachtskaserne Eppzirl. Gegen Ende des Krieges wurden zudem Bunkeranlagen errichtet, da die Kaserne Teil der sogenannten Alpenfestung werden sollte. Nach Kriegsende wurden die Gebäude abgebaut und die Baustoffe von Bügern umliegender Gemeinden genutzt, um Kriegsschäden zu beheben. Teile blieben bis 1990 stehen, wurden dann aber vom Bundesheer gesprengt. Heute steht nur noch ein Kopfteil einer Bunkeranlage (siehe Foto rechts).
Fotos: Google Earth, Schima (5), United States Airforce