Psychosen wegen Nicht-Überwachung

Spektakuläre Fakten über die NSA: Psychosen wegen Nicht-Überwachung

Früher sahen Psychotiker Verfolger, wo keine waren. Heute leiden sie darunter, sich durch und durch unbedroht zu fühlen. Immer neue, noch spektakulärere Fakten über die Arbeit der National Security Agency kommen ans Licht. Und die weltweite totale Überwachung jeglicher elektronischer Kommunikation durch den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst NSA zeitigt Folgen, mit denen so niemand gerechnet hätte

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Bis vor ca. eineinhalb Jahren stellten sich psychotische Schübe vor allem so dar, dass die Erkrankten sich von geheimnisvollen ausländischen oder gar außerirdischen Mächten überwacht und massiv bedroht fühlten. Mittlerweile beobachten Psychiater weltweit, dass sich die Symptomatik quasi umgekehrt hat – Patientinnen und Patienten unternehmen in akuten Phasen ihrer Erkrankung alles, um endlich auch von der NSA wahrgenommen und überwacht zu werden.

„Menschen mit wahnhaften Störungen, die dem schizophrenen Formenkreis zuzuordnen sind, erschaffen sich eine in sich völlig stimmige und logische Wirklichkeit, die mit der Realität, wie sie gesunde Menschen erleben, nichts zu tun hat“, berichtet der australische Neuropsychiater Jekyll Madden in der aktuellen Ausgabe des international renommierten Neuroscience Fake Journal. „Kollegen weltweit beschreiben neuerdings eine auffällige Häufung von Fällen, in denen Menschen aufgrund ihrer angenommenen völligen Bedeutungslosigkeit für die NSA akute psychotische Schübe erleiden.“ Die Symptome ähneln einander frappierend: Die Patientinnen und Patienten fühlen sich vollkommen unbeobachtet, haben nie den Verdacht, dass ihre Telefon abgehört oder ihre E-Mails von anderen Unbefugten außer dem eigenen Ehepartner gelesen werden. Sie beobachten nie ein auffällig unauffälliges unbekanntes Auto in ihrer Gasse. Wenn sie sich auf der Straße schnell umdrehen, sehen sie niemals jemanden blitzartig im nächsten Hauseingang verschwinden. Und sie sind sich absolut sicher, dass sie – so sie eine USA-Reise planen – bei der Einreise nicht die allerkleinsten Probleme mit den Behörden haben oder wenigstens irrtümlich auf einer No-Fly-Liste landen werden.

„Sich durch und durch unwichtig und von aller Welt unbeachtet zu fühlen, kann bei Menschen mit einer latenten Vorerkrankung aus dem vielfältigen Bereich der Minderwertigkeitskomplexe dramatische Folgen haben“, schreibt Madden weiter. „Oft genügt als Auslöser eine vermeintliche Kleinigkeit wie ein Stolpern in der Öffentlichkeit, über das zufällig niemand lacht, oder auch eine Nachrichtenmeldung wie die, dass die NSA allein über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mehr als 300 Berichte verfasst hat – und die Patienten fangen an, alles ihnen Mögliche zu unternehmen, um der NSA endlich aufzufallen.“ Betroffene gehen dazu über, in der Öffentlichkeit –bevorzugt in Restaurants und in öffentlichen Verkehrsmitteln – lautstark am Handy zu telefonieren. Sie „vergessen“, im Theater oder im Kino ihre Mobiltelefone auszuschalten und programmieren sinnfreie Alarm-Erinnerungen, die während der Vorstellung losgehen. Sie verbringen Stunden damit, im Internet bestimmte Codewörter wie „Al Kaida“, „Terrorismus“, Bombenbauen für Chemie-Anfänger“ u.ä. zu googlen, in der Hoffnung, dass irgendein Algorithmus dadurch auf sie aufmerksam wird.

Die Therapie gestaltet sich schwierig und ist Gegenstand hitziger Diskussionen in neuropsychiatrischen Fachkreisen. „Dass allerorten immer mehr Überwachungskameras installiert werden, hilft“, räumt Jekyll Madden ein. „Aber wir finden uns in einem Dilemma wieder, das kaum aufzulösen ist: Einerseits sind die meisten Leute ja tatsächlich völlig uninteressant – sogar für die anderen Leute, mit denen sie zufällig in der Straßenbahn sitzen. Aber andererseits werden sie von der NSA ja ohnedies überwacht: Sie merken es nur nicht und wollen es einfach nicht glauben.“

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