Als Innsbruck noch zwei Flughäfen hatte
Als Innsbruck noch zwei Flughäfen hatte

Schnellübersicht – darum geht es auf dieser Seite: Vor 70 Jahren hatte die Tiroler Landeshauptstadt mit Innsbruck-Reichenau und Innsbruck-Hötting über mehrere Jahre zwei Flughäfen | Spektakuläre Flucht von Düsenjägern der deutschen Luftwaffe nach Tirol

Ein Fall von Tiroler Geschichtsfälschung? Als Innsbruck noch zwei Flughäfen hatte – Beinahe-Katastrophe mit Nazi-Düsenjäger

Der Flughafen Innsbruck-Kranebitten erblickte im Jahre 1948 das Licht der Welt und löste den Flughafen Reichenau, der 1920 erbaut worden war, ab. So hat es meine Generation im Heimatkunde-Unterricht gelernt. So steht es auch offiziell auf der Website des Innsbrucker Flughafens unter „Geschichte“ und das gleiche ist im Wikipedia-Eintrag über Innsbrucks Flughäfen zu finden. Doch dies entspricht nicht der Wahrheit – einen Flughafen im Westen von Innsbruck gab es bereits fünf Jahre früher, parallel zu jenem in der Reichenau. Absicht oder Versehen? Der einstige Flughafen der deutschen Luftwaffe, wahrer Vorgänger von Innsbruck-Kranebitten, geriet in Vergessenheit. Dabei gibt es gerade aus dieser Zeit ganz besonders spannende Geschichten.

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„Die Grundsteinlegung für den Flughafen in der Höttinger Au bei Kranebitten im Westen der Stadt Innsbruck wurde 1946 durch die französische Besatzungsmacht gelegt und zwei Jahre später, am 15. Jänner 1948 wurde der neue Flughafen eröffnet.“ So schildert Wikipedia die Gründung des heutigen Innsbrucker Flughafens . Wenn man sich allerdings beispielsweise Unterlagen über die deutsche Luftwaffe aus den 1940er-Jahren ansieht („Luftwaffe Airfields 1935-45 Austria – 1937 Borders“ von Henry L. deZeng IV), ergibt sich ein gänzlich anderes Bild (siehe Faksimile).

Als Innsbruck noch zwei Flughäfen hatte

Auf den Ulfiswiesen im Westen der Stadt Innsbruck begann die deutsche Luftwaffe 1943 mit dem Bau eines Flughafens, da jener im Osten der Stadt, in der Reichenau, für den militärischen Betrieb über eine zu kurze Start- und Landebahn verfügte. 1944 wurde der so genannte Flughafen West zudem noch ausgebaut. Die Start- und Landebahn wurde verlängert, um sie auch für den Einsatz der deutschen Luftwaffen-Wunderwaffe Me 262 einsatzbereit zu machen. Für den Ausbau des Flughafens Hötting war übrigens das deutsche Fliegerass Major Hans-Ekkehard Bob  vom Jagdverband 44 , der die deutschen Düsenjäger einsetzte, verantwortlich. Am Tag, an dem die letzten Einheiten der deutschen Wehrmacht in Berlin am 2. Mai kapituliert hatten, landeten laut Aussage von Bob in Innsbruck zwölf deutsche Luftwaffendüsenjäger, die die deutsche Luftwaffe vor den anrückenden US-Truppen in Bayern in Sicherheit gebracht hatten.

Von dieser Kommandoaktion gibt es nur sehr spärliche Berichte. Einer der überliefert ist, erzählt allerdings eine äußerst spannende Geschichte, die beinahe mit einer Katastrophe endete. Einer der Piloten der zwölf Innsbruck anfliegenden deutschen Düsenjäger verwechselte nämlich den Flughafen, auf dem er landen sollte. Er ging mit seiner Messerschmitt 262 im Gegensatz zu seinen Kollegen auf dem Flughafen Reichenau nieder. Das Problem dabei – die Landebahn dort war für diesen Flugzeugtyp viel zu kurz. Der Pilot kam über die Landebahn hinaus und krachte beinahe in die zwei Hangars. Nur mit viel Glück konnte er ein schweres Unglück verhindern. Das nächste Problem für die deutsche Luftwaffe: Es war unmöglich, mit dieser Maschine auf der kurzen Startbahn in der Reichenau wieder zu starten. Dieses Problem löste

sich allerdings von selbst, denn keine der zwölf Maschinen konnte nach der Flucht nach Innsbruck wieder eingesetzt werden: Am Fernpass entspann sich nämlich am 1. und 2. Mai das größte und heftigste Gefecht dieses Krieges in Tirol, als US-Truppen ins Land einmarschierten. Am Abend des 3. Mai kamen die Spitzen der 103. US-Infanteriedivision (von der auch einige Fotos auf dieser Seite stammen) in Innsbruck an. Die Me 262 der deutschen Luftwaffe wurden am 4. Mai umgehend konfisziert.

Neben den geflüchteten Messerschmitt 262 konfiszierte die US-Armee auch eine Reihe weiterer Flugzeuge der deutschen Luftwaffe in Innsbruck. Etwa Junkers 87  „Stuka“ (siehe auch vorletztes Foto rechts im Hintergrund) der dritten Staffel der so genannten Nachtschlachtgruppe 9, die gegen Kriegsende aus Thiene in Italien kommend in Tirol stationiert wurde. Aber auch Junkers 88  bzw. deren Nachfolger Junkers 188  der Aufklärungsgruppe 122, ebenfalls gegen Kriegsende, aus dem italienischen Bergamo kommend, in Innsbruck stationiert. Parallel dazu hatte die deutsche Luftwaffe das Flakregiment 148 in Innsbruck zusammengezogen.

Während der Flughafen Reichenau nur über eine 640 Meter lange Start- und Landebahn (unbefestigte Piste) verfügte, wurde für den Flughafen Hötting eine knapp einen Kilometer lange Piste (915 Meter, unbefestigte Piste) gebaut. Zum Vergleich: Der heutige Flughafen Innsbruck-Kranebitten hat eine 2000 Meter lange Start- und Landebahn. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernahmen französische Truppen von den US-Amerikanern Innsbruck. Französische Pioniere bauten ab 1946 den ehemaligen deutschen Luftwaffenstützpunkt im Westen der Tiroler Landeshauptstadt aus (1140 Meter lange Betonpiste). Innsbruck-Kranebitten (damals allerdings noch unter dem Namen Innsbruck-West, den ihm die deutsche Luftwaffe gegeben hatte) konnte dann von Vertretern der Besatzungsmacht und heimischen Verantwortlichen am 15. Jänner 1948 eröffnet werden. Der Flughafen Reichenau wurde geschlossen, die zwei dortigen Hangars auf den neuen Flughafen übersiedelt – sie stehen heute noch auf der Nordseite von Innsbruck-Kranebitten, wo der ursprüngliche Terminal beheimatet war. Im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 1964 wurde dann der heutige Terminal im Südbereich des Flughafens errichtet – und bis heute immer wieder ausgebaut und erweitert.

Warum der wahre Ursprung des heutige Tiroler Alpen-Airports nicht in den Annalen aufscheint und nirgendwo die Rede ist, dass Innsbruck einmal zwei Flughäfen besaß, darüber kann man heute, mehr als 70 Jahre später, nur noch spekulieren. Ob der Nazi-Ursprung nach dem Zweiten Weltkrieg gestört hat? Fix ist nur eines – der heutige Innsbrucker Flughafen ist fünf Jahre älter, als offiziell angegeben.

Es recherchierte  Manfred Schiechtl

Als Innsbruck noch zwei Flughäfen hatte
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ZU DEN FOTOS
punktierte Linie
  • Bilder ganz oben: Die linke Aufnahme zeigt den Flughafen der deutschen Luftwaffe auf den Ulfiswiesen im Westen der Tiroler Landeshauptstadt in den letzten Kriegsjahren. Der wahre Beginn des heutigen Flughafens Innsbruck-Kranebitten. Damals wurde er von den Deutschen Flughafen Innsbruck-West genannt, von den US-Amerikanern Airdrome Hötting. Die rechte Aufnahme zeigt den einstigen Flughafen Reichenau (Innsbruck-Ost), knapp unterhalb der Einmündung der Sill in den Inn (man beachte die zwei Hangars, die in den späten 1940er-Jahren nach Innsbruck-Kranebitten übersiedelt wurden). Heute stehen dort im Zwickel General-Eccher-Straße – Reichenauerstraße Wohnsiedlungen.
  • Kleine Bilder: Die oberste Aufnahme zeigt eine Me 262 der deutschen Luftwaffe, die statt auf dem Flughafen West – wie ursprünglich geplant und von den Staffelkollegen auch durchgeführt – versehentlich auf dem viel kleineren Flughafen Reichenau landete. Was beinahe in einer Katastrophe endete. Die weiteren Aufnahmen zeigen Me-262-Düsenjäger der deutschen Luftwaffe, die sich vor den herannahenden US-Truppen in Bayern auf den Flughafen Innsbruck West geflüchtet hatten. Insgesamt zwölf Düsenjäger des JV44 wurden nach Innsbruck überstellt und später hier von den US-Amerikanern konfisziert. Im vorletzten Foto ist im Hintergrund eine zuvor schon in Innsbruck stationierte Junkers 87 „Stuka“ zu sehen (im Bildhintergrund ist auch die heute noch bestehende Allee entlang der Bundesstraße zu sehen).
Fotos: Österreichische Nationalbibliothek, US Air Force, US VI Corps Combat Engineers, US 103rd Infantry Division